BZ, 2.3.2005
«Spycher ist unser Wunschtransfer»
Das YB-Spiel heute in Schaffhausen wird verschoben. Reto Gertschen erwartet von seinem Team im Frühling einiges. Der Sportchef über die Vertragsverlängerung mit Neri, das Kader, die Ziele, den Job und das Stadion.
Reto Gertschen: YB-Sportchef / Keystone
Reto Gertschen, ist die gestrige Vertragsverlängerung mit Angreifer Francisco Neri bis Sommer 2008 ein Zeichen?
Reto Gertschen: Wir sind vor allem froh, dass wir mit Neri in den kommenden dreieinhalb Jahren einen sehr starken und effizienten Stürmer im Kader haben werden. Er hat auch keine Ausstiegsklausel im Vertrag. Warum aber sollte das ein Zeichen sein?
Weil YB auf dem Transfermarkt enorm zurückhaltend agiert.
Ich verfolge diese Diskussion. Ich kann verstehen, wenn man das Gefühl hat, YB hätte im Winter bei einigen Akteuren mitbieten sollen. Aber wir verfolgen eine vernünftige Strategie. Eric Hassli verdient in St. Gallen mehr, als wir ihm bieten können. Das ist eine Tatsache. Mit Basel, GC, Zürich und Servette konnten wir in dieser Saison finanziell nicht mithalten. St. Gallen liegt in unserer Reichweite. Ich finde es seriöser, nur so viel auszugeben, wie man einnimmt. Und sowieso: Servette gibts heute nicht mehr, GC muss auch sparen, und wie der FCZ sein teures Kader finanziert, ist faszinierend …
Dennoch: YB muss im Hinblick aufs neue Wankdorf investieren.
Das ist richtig und auch falsch. Bei uns laufen Ende Saison acht Verträge aus. Wir werden nicht alle verlängern. Zudem hört Stéphane Chapuisat auf, und Alain Rochat will bekanntlich ins Ausland. Es ist also logisch, dass wir im Sommer vier bis sechs neue Akteure verpflichten werden.
Man hört, dass YB an Armand Deumi und Mario Raimondi vom FC Thun interessiert sei, ausserdem sollen Christoph Spycher (GC) und Leandro (Hannover) auf der Wunschliste stehen.
Also diese vier Spieler würde ich sofort nehmen … Nur leider ist das alles nicht so einfach. Deumi und Raimondi haben bei Thun weiterführende Verträge. Und wir können nicht wie Zürich bei Xavier Margairaz einfach so eine halbe Million Schweizer Franken ausgeben. Spycher ist unser Wunschtransfer. Wir warten ab, wie sich die Situation bei GC entwickelt. Und bezüglich Stürmersuche lassen wir uns Zeit. Uns werden so viele Spieler angeboten, die Zeit spielt für uns. Zumal YB mit dem neuen Stadion eine wunderbare Adresse wird.
Aber nur, wenn der sportliche Erfolg in dieser Saison stimmt. Ist für Sie eigentlich der Cup oder die Meisterschaft wichtiger?
YB wartet seit 1987 auf einen Titel. Im Cup stehen wir im Halbfinal, wir wollen den Kübel nach Bern holen. Und in der Liga liegt für uns alles drin. Wir sind resultatmässig gut aus der Winterpause gestartet. Doch die meisten Akteure haben noch massives Steigerungspotenzial.
Zum Beispiel?
Ich möchte keine Namen nennen. Aber diese Mannschaft wurde letzte Saison Zweite. Nun ist Neri für Leandro da, das ist zumindest keine Verschlechterung. Und wir haben Bettoni, Carreño, Aziawonou oder Urdaneta neu dabei. Wir haben derzeit zwanzig Feldspieler und drei Torhüter, deshalb haben wir im Winter auch nichts unternommen. Das muss reichen, zumal wir nicht immer so viele Verletzte wie in der Vorrunde haben werden. Die Spieler haben beste Voraussetzungen, der Lohn kommt stets pünktlich. Da kann man gute Leistungen erwarten.
Peter Jauch, der Geschäftsführer der Stade de Suisse Wankdorf Nationalstadion AG, rechnet in Zukunft im Wankdorf mit 19 000 Zuschauern im Schnitt. Sind Sie auch derart optimistisch?
So genau möchte ich mich nicht festlegen. Zwischen 15 000 und 20 000 sind aber realistisch. Das hängt von unserern Vorstellungen auf dem Rasen ab. Wir haben derzeit rund 8000 Dauerkarten verkauft, das ist okay und ausbaufähig, wenn wir gut spielen.
Bezüglich Budget will YB in Zukunft keine Angaben mehr machen. Das ist nicht transparent …
YB und das Stadion sind zwei Gebilde, die eng zusammengehören. Es ist deshalb ausserordentlich schwierig, exakte Zahlen für einzelne Bereiche zu nennen. Es hängt letztlich auch davon ab, ob wir 10 000 oder 15 000 Dauerkarten verkaufen können. Wir werden aber unserer Philosophie treu bleiben und nicht zu viel ausgeben.
Wann ist Zügeltermin für die YB-Administration ins Wankdorf? Und wie viele Stellen werden in diesem Bereich noch geschaffen?
Wir hoffen, dass wir im Juni unsere Büros ins Stadion verlegen können. Das ist für uns alle ein grosser Ansporn. Weil das Ticketing und die Finanzen wohl Sache der Wankdorf AG sein werden, gibt es kaum neue Stellen. Wir wollen aber bald einen Teammanager installieren. Er soll das Bindeglied zwischen Team und Management sein.
Da Geschäftsführer Rolf Bachmann nicht ersetzt wurde, sind Sie für die sportlichen Belange bei YB alleine zuständig. Schätzen Sie diese Verantwortung?
Wenn man mir eine Verantwortung übertragt, dann ganz. Ich bin froh, dass ich dieses Vertrauen erhalten habe. Am Anfang wars nicht einfach für mich, weil mein Vorgänger Fredy Bickel bei vielen Anhängern sehr beliebt war. Aber nun denke ich, alle haben gemerkt, dass es mir um die Sache YB geht. Ich bin zufrieden, so wie es ist, und freue mich auf die Herausforderungen der nächsten Wochen und Monate.