Berner Zeitung, 12.04.2010
YB: Glücksgefühle und Jubelhaufen Es ist eine Eruption der Gefühle. Betreuer und Bankpersonal der Young Boys rennen euphorisiert kreuz und quer durcheinander, wild sind die Bewegungen und herzhaft die Umarmungen.
Gilles Yapi saust mit kreisenden Armbewegungen über den Rasen, bald hebt er vermutlich ab. Soll keiner mehr behaupten, er sei in Gedanken bereits beim FC Basel. In einer Ecke des Rasens fallen die YB-Spieler übereinander, es ist jetzt ein gelb-schwarzer Jubelhaufen – und nicht mehr ein defensiver Hühnerhaufen wie teilweise während der Begegnung. Die Männer gebärden sich wie kleine Kinder, es ist an der «Ladies Night» im Stade de Suisse ein gewaltiger Testosteronausstoss kurz nach 19.30 Uhr am Samstagabend. So wie die YB-Fussballer sich herzen und drücken, würden sie hübsche Sujets für die «Mentos-Kisscam» abgeben, die immer vor YB-Heimspielen küssende Paare auf die grossen Bildschirme projiziert.
Die Erleichterung und Freude über den späten YB-Siegestreffer gegen Bellinzona entlädt sich in einer Jubelarie, die Züge einer vorgezogenen Meisterfeier annimmt. Der Kabinengang im Stade de Suisse verwandelt sich in eine Berner Gute-Laune-Zone, die YB-Fussballer sind ausgelassen und redefreudig. Yapi und Seydou Doumbia schäkern und lachen wie Teenager, der verletzte Scott Sutter ist mit seinem breiten Grinsen das Sinnbild der fröhlichen Young-Boys-Combo.
Und die Protagonisten sind zuversichtlich. «Einen Riesenschub» gebe ihnen dieser Erfolg, sagt Mario Raimondi. Vor Wochenfrist, nach dem 5:1-Sieg in Aarau, antwortete der YB-Mittelfeldspieler noch relativ defensiv auf die Frage, ob man so Meister werde. Jetzt sagt Raimondi lachend: «Ja, warum nicht? Ich hätte nichts dagegen.» Wenige Meter neben ihm steht der strahlende David Degen und meint aufgedreht: «Das ist der Wahnsinn.» Er erklärt detailgetreu die Sekunden vor dem Last-Minute-Siegestor. «Ich hätte auch nicht auf Foulspiel von mir entschieden», sagt er verschmitzt zu jener Szene, als er seinem Gegenspieler in den Rücken schubste und damit erst den letzten Eckball ermöglichte. Nicht ideal getreten sei der Corner gewesen, ja, aber er habe eine zweite Chance erhalten und so lange gewartet, bis François Affolter in der Mitte eben bereit für seinen Auftritt gewesen sei.
An solchen Abenden entstehen Helden, und Affolter ist der Berner Last-Action-Hero. Der 19-Jährige hat den gesperrten Emiliano Dudar als Abwehrchef ersetzt und den gesperrten Seydou Doumbia als Torschützen gleich auch noch. Er fühle sich wie im Traum, sagt Affolter. Ein bisschen überrascht sei er schon gewesen, derart ungedeckt zum Kopfball zu kommen. «Aber ich musste ja schnell reagieren. Und schon war der Ball im Netz.»
David Degen hat inzwischen den Journalisten der «Basler Zeitung» entdeckt. «Das muss für euch Basler zum Kotzen sein», ruft Degen, der Basler in Berner Diensten, schelmisch. Und: «Immer hofft der FCB, und immer gewinnen wir noch irgendwie.» Mario Raimondi sagt, das sei brutal für die Basler. «Aber uns ging es in den letzten Jahren als Verfolger auch oft so.» Mittlerweile ist auch Marco Wölfli, der Captain, in den Katakomben eingetroffen. Er wirkt inmitten der berauschten Mitspieler wie ein besonnener Vater. Beinahe staatsmännisch ordnet er den Sieg ein. «Wir sind belohnt worden, weil wir bis zum Schluss an uns glaubten», sagt Wölfli. Und während sich die meisten Teamkollegen auf einen gemütlichen TV-Sonntagnachmittag mit FCZ - FCB freuen, erklärt Wölfli: «Ich werde das Basel-Spiel nicht live verfolgen.» Der Torhüter schaute gestern seinen Kollegen vom SC Bümpliz gegen La Tour/Le Pâquier (2.Liga Inter) auf der Bodenweid zu. «Wir können ja noch nicht Meister werden», sagt Wölfli.
http://www.bernerzeitung.ch/sport/fussball/YB-Gluecksgefuehle-und-Jubelhaufen-/story/12320183