Berner Zeitung, 23.05.2009
«Ich bin kein Cocktail-Typ, ich bin ein Kämpfer»FC-Sion-Präsident Christian Constantin ist im Schweizer Fussball die streitbarste Figur. Eben holte er zum fünften Mal den Cup – vor Freude habe er geweint, gesteht er.

Ist Constantin grössenwahnsinnig? – «Wer mich mag, sagt, ich sei ein Visionär.»
Welche Prämie bekommt der FC-Sion-Präsident für den Cupsieg?
Keine.
Keinen neuen Ferrari?
Ich habe mir das neueste Modell schon vorher gekauft. Prämien gibt es nur für die Spieler. Ich bezahle sie. 15'000 Franken für jeden.
Was bedeutet der Cup für Sie und für den Kanton?
Cup und Wallis sind eine spezielle Liaison. Das ist eine Geschichte, in der sich Generationen wiederfinden. Grosseltern und Enkel verbinden mit dem Cup gemeinsame Erfahrungen. Er bringt anderseits Leute zusammen, die sich zuvor nicht gekannt haben. Am Mittwoch fuhren viele im Car nach Bern. Man kannte sich am Morgen beim Einsteigen nicht. Am Abend war es, als würde man sich seit Jahren kennen. Nach dem Sieg gratulierten Walliser aus aller Welt, aus Venezuela, Estland, Argentinien, Mexiko. Sie alle sind fasziniert vom Mythos um den Cup.
Sie sollen am Mittwochabend geweint haben. Das passt nicht zum Bild des emotionslosen, des kühlen Christian Constantin.
Ich habe nach jedem Cupsieg Tränen in den Augen gehabt. Man hat das nur nicht gesehen, weil die Finalspiele jeweils am Nachmittag stattfanden und ich mich hinter einer Sonnenbrille verstecken konnte. Sie können mit jedem meiner Spieler reden. Alle werden sagen, dass das Bild des harten und kühlen Typs nicht zutrifft.
Unser Bild ist es nach wie vor.
Hören Sie mal! In Momenten wie am Mittwoch bin ich sehr emotional und warmherzig. Jeder kann über mich denken was er will. Aber wenn man wirklich wissen will, wie jemand ist, muss man sich zuerst intensiv mit ihm auseinandersetzen.
Wenn man behauptet, Christian Constantin sei verrückt . . .
. . . das sagt ihr Deutschschweizer!
Ist es denn falsch? André Luisier, Ihr Vorgänger als Präsident vor 1992, stand für Fussball-Leidenschaft. Sie stehen fürs Geschäftemachen.
Luisier liebte den Fussball nicht.
Aber er hat gegen 30 Millionen Franken in den FC Sion gesteckt.
Das heisst noch lange nicht, dass er den Fussball geliebt hat. Er war Inhaber der Tageszeitung «Le Nouvelliste» und wollte über den Fussball junge Leser gewinnen. Luisier glaubte, dass man mit Geld alles haben und Probleme lösen kann. Wollte ein Spieler einen neuen Wagen oder eine neue Wohnung, ging er zu Luisier, und der sagte: «Spielen Sie am Samstag gut!» Wenn die Leistung stimmte, erhielt der Spieler, was er verlangt hatte. Luisier dachte, man könne so den Erfolg kaufen.
Exakt diesen Eindruck haben wir von Ihnen.
Ich nehme einen anderen Weg. Ich kaufe nicht das Resultat, sondern baue etwas auf, um Erfolg zu haben. Wenn ich nur Geld in den Verein stecke und mich dann irgendwann zurückziehe, bleibt nichts zurück. Ich hingegen bin daran, die Infrastruktur für den Verein ständig zu erweitern, in jedem Bereich. Als Präsident eines professionellen Vereins bin ich verpflichtet, den Profis optimale Arbeitsbedingungen zu bieten. Es wird also nachhaltig etwas bleiben, wenn ich gehe.
Sie haben wie Luisier mit der grossen Kelle angerichtet.
Ich habe in gut zehn Jahren 25 Millionen Franken investiert. Da geht es aber auch um Investitionen in Ausbildungszentren.
Was ist das Fernziel?
Ich will Sion zu einem ernst zu nehmenden Klub in Europa machen.
Vergleichbar mit?
Ich bewundere den FC Porto.
Wie weit sind Sie auf diesem Weg?
Bei 40 Prozent der Strecke.
Wie viel Geld muss man noch investieren, um die restlichen 60 Prozent zu schaffen?
Noch einmal 20 bis 25 Millionen für den FC Sion und gegen 100 Millionen für das neue Stadion.
Bis jetzt haben Sie nur über das neue Stadion geredet. Wie weit sind sie damit?
Das Projekt ist zurzeit wegen Einsprachen der angrenzenden Priesterbruderschaft von Ecône blockiert. Die Finanzierung ist aber auch noch nicht gesichert.
Einige sagen, Sie seien grössenwahnsinnig.
Nicht einige, viele.
Trifft das zu?
Zu sagen, ich sei grössenwahnsinnig, ist einfach und gratis. Zu erklären, warum ich das sein soll, ist etwas anderes. Wer mich mag, sagt, Constantin sei ein Visionär. Wer mich aber nicht mag, sagt, Constantin sei grössenwahnsinnig. Ich betreibe das Fussballgeschäft nun einmal aus Leidenschaft. Als ich selber in Lugano spielte, fuhr ich oft nach Appiano Gentile, um zu sehen, wie Inter Mailand trainiert. Später fuhr ich nach Turin, um zu beobachten, wie sie bei Juventus arbeiten.
Träumen Sie ernsthaft davon, sich mit diesen Grössen eines Tages messen zu können?
Ich bin nicht so verwegen zu glauben, dass wir so werden können wie Inter oder Juventus. Aber natürlich können und müssen wir uns verbessern. Und der FC Sion ist ein Klub, der bewegt und interessiert.
Sehen Sie sich als Werbeträger für Sion?
Die Leute diskutieren heftig über mich im Internet. Das kümmert mich aber nicht.
Mögen Sie die Rolle des Provokateurs?
Ich verteidige nur meine Interessen. Das ist etwas anderes als Provokation.
Haben die Walliser nicht grundsätzlich das Gefühl, die halbe Welt sei gegen sie?
Ein Cupfinal in der Deutschschweiz, auf Kunstrasen . . . Ein Deutschschweizer Schiedsrichter . . . Wir Walliser haben viele Gründe, uns zu wehren. Das stachelt uns erst recht an. Unsere Fans waren dann auch viel lauter und besser als die von YB.
Vor dem Cupfinal gegen YB legten Sie gegen die Nomination von Schiedsrichter Claudio Circhetta einen sinnlosen Protest ein. Sie legen sich mit allen an, die Ihnen nicht passen.
Vielleicht denke ich nicht wie ein normaler Mensch. Ich hielt den Protest für angebracht. Ich wollte, dass er mir bestätigt, neutral zu sein.
Leiden Sie unter Verfolgungswahn?
Sie haben das Recht, so zu denken. Und Sie können mir vorwerfen, der FC Sion sei eine One-Man-Show. Mir ist das egal. Ich muss häufig als Schlagzeile herhalten.
Weil Sie polarisieren. Offensichtlich kämpfen Sie sehr gern. Ist das ein Markenzeichen des Wallisers?
Wir leben in einem Kanton an der Peripherie. Die Leute sind es gewohnt, zu kämpfen. Unsere Väter mussten jahrzehntelang hartes Brot essen. Beim Bau der Stauseen zur Elektrizitätsgewinnung haben sich hauptsächlich die Ingenieure aus der Deutschschweiz goldene Nasen verdienen. Erst seit 30 bis 40 Jahren geht es uns dank dem Tourismus besser.
Und darum eckt Constantin ständig an?
Die Walliser sind stolze Menschen. Das haben sie am Mittwoch wieder gezeigt. Der Cupsieg hat die Leute stolz gemacht. 15'000 Menschen, die uns mitten in der Nacht auf der Place de la Planta empfingen – wo sonst gibt es so etwas?
Der Trubel überraschte auch, weil der FC Sion kein FC Wallis ist. Er ist multikulturell.
Früher war es eine Weltreise, von Visp nach Genf zu gelangen. Heute fliegt man übers Weekend nach New York, das ist nichts Spezielles. Auch der Fussball und die Gesellschaft haben sich rasant entwickelt.
Und darum schwenken Sittener Fussballer heutzutage bei der Pokalübergabe nach dem Cupfinal die portugiesische, angolanische, kamerunische oder ägyptische Fahne.
Die gleichen Spieler haben auf der Place de la Planta ins Mikrofon gerufen: «Wir sind alle Walliser.» Das ist wunderbar. Für die Jungen von heute ist es ganz normal, dass Spieler aus aller Welt in Sion spielen.
Kennen die Jungen die Namen der Spieler?
Jeden. Wir sind heute nicht mehr in der Zeit der Bregys, Briggers und Cinas. Heute sind die Mannschaften international. Nur das garantiert den Erfolg.
So erfolgreich ist der FC Sion nicht. Sie sind Drittletzter in der laufenden Meisterschaft.
Es gibt zwei Pokale in der Schweiz. Einen davon haben wir gewonnen.
Kann man sagen, dass die Walliser Rebellen sind und sich immer gegen die Deutschschweiz auflehnen?
Man muss sich wehren. Ich werde immer für meine Interessen und das Wallis einstehen. Ich bin kein Cocktail-Typ, ich bin ein Kämpfer. Ich erinnere mich daran, wie ich das erste Mal zu einer Abstimmung ging. Ich fragte meinen Vater: «Für wen soll ich stimmen?» Er sagte: «Für die Schwächsten.»
Die Schwächsten sind in Ihrer Firma FC Sion die Trainer. Die haben es nicht lustig. Sie sind nicht sehr sozial, Herr Constantin.
«Sozial» bedeutet heute, den Unternehmern immer mehr Sozialabgaben aufzubürden und Leute durch grosszügige Sozialversicherungen zum Nichtstun zu animieren.
Erschrecken Sie selber nicht, wenn Sie die Liste mit 25 verbrauchten Trainern sehen?
Es waren nur etwa 19.
Das ändert nicht viel: 19 in knapp elf Jahren, das ist auch wahnsinnig.
Es ist viel, das ist richtig.
Und jedes Mal wählten Sie den Trainer.
Auch das stimmt.
Mit Christian Constantin sprachen Peter M. Birrer und Hubert Mooser in Martigny
Zur PersonChristian Constantin
Christian Constantin (52) ist gebürtiger Walliser. Er besitzt in Martigny ein Architekturbüro und beschäftigt 35 Angestellte.
Constantin ist zum zweiten Mal Präsident des FC Sion. Nach der ersten Amtsperiode (1992 bis 1997) führt er den Verein seit 2003 in Alleinregie – als Autokrat fällt er alle Entscheidungen eigenmächtig. In den insgesamt elf Präsidialjahren in Sion hat er, je nach Zählweise, zirka 25-mal den Trainer ausgewechselt.