Bund, 08.05.2006
Yakin entzündet die Emotionen
Fussball: Der YB-Jubel über den späten Derbysieg
YB drehte ein spannendes Derby gegen Thun mit zwei Toren in den letzten fünf Minuten. Trainer Gernot Rohr stellte sein System um, und Hakan Yakin blühte in seiner Lieblingsrolle auf. Er köpfte das späte 2:1-Siegtor.
Das Strahlen des Siegers: Hakan Yakin. / Keystone
Gernot Rohr hält es längst nicht mehr in seiner ruhigen Position aus. Nervös tigert der YB-Trainer in der Coachingzone hin und her, das Jacket hat er hingeschmissen, bei jener unglaublichen Szene, als Stürmer Thomas Häberli eine Viertelstunde vor Spielschluss das leere Tor verfehlte. YB drückt im spannenden Derby gegen Thun auf den 1:1-Ausgleich, YB rennt verzweifelt an, YB kämpft mit der Zeit, flucht über Fehlpässe, jammert über die Chancenauswertung, YB agiert längst mit einem hasardierenden Wildwest-Sturmlauf. Die Minuten aber, sie zerrinnen, es sieht nach einer weiteren Enttäuschung im nur halbvollen Wankdorfstadion aus. Thun muss sich nach einer gelb-roten Karte gegen Duruz personell dezimiert wehren. Fünf Minuten vor Schluss köpft der starke Gohouri wenigstens das 1:1 – und als sich auch die «YB-Viertelstunde» langsam dem Ende entgegenneigt, da sorgt einer – er, Hakan Yakin, der Regisseur – für die Explosion der Gefühle.
Yakins Fitnessbeweis
Am eigenen Strafraum übernimmt Yakin in der 88. Minute nach einem schwachen Thuner Eckball den Ball, sprintet vierzig Meter übers Feld, lanciert an der Mittellinie mit einem Aussenristpass Mario Raimondi, und wenige Sekunden später steht Yakin, noch einmal fünfzig Meter weiter vorne, am hinteren Pfosten und köpft die herrliche Flanke Raimondis zum 2:1 ein.
Es ist nicht nur das späte Siegtor für YB und damit der Sprung auf Rang drei. Es ist – kurz vor Schluss – auch ein ultimativer Fitnessbeweis Yakins. Bei jedem gefährlichen YB-Angriff hatte er seinen Fuss im Spiel. Yakin schoss oft aufs Tor, er gab einige brillante Zuspiele, er trat viele gefährliche Freistösse und Eckbälle, und Yakin, das tat er vor allem, Yakin tauchte links und rechts und in der Mitte auf, er lief und lief und lief, als würde er nach Kilometergeld bezahlt.
Und so strahlt Gernot Rohr nach dem Derbysieg. «Heute hat man wieder gesehen, wie viel Herz unser Team hat», lobt der Trainer seine Spieler. Vor dem Derby liess er offen, ob Yakin überhaupt spielen dürfe, nachdem sich der unzufriedene Spielmacher am Mittwoch im Spiel bei GC (0:1) kritisch über Rohrs defensives System geäussert hatte. YB sprach am Samstag eine Busse gegen Yakin aus. Und Rohr änderte überraschend die taktische Ausrichtung der Young Boys: Yakin durfte gegen Thun endlich in seiner Lieblingsrolle hinter zwei (gestern schwachen) Stürmern, Häberli und João Paulo, Regie führen.
Mit der «Lex Yakin» ist gewiss noch nicht alles besser bei YB, aber vieles wieder ansehnlich. «Es sah lange nicht gut für uns aus», sagt Rohr, «wir haben auch vom Thuner Platzverweis profitiert.» In der dramatischen Schlussphase steigerte sich YB gegen den Thuner Beton in einen offensiven Harakiri-Fussball und offenbarte Lücken im Abwehrverbund, die ein kaltblütigeres Team bestraft hätte. «Wir wurden für unseren tollen Willen belohnt», sagt Rohr. «Das Team widmet diesen Sieg dem verletzten Everson.»
Am Mittwoch gegen Basel
Yakin seinerseits widmete das erlösende 2:1 seiner Mutter, die hoch oben auf der Tribüne sass. Mit seinem Tor entzündete er die Emotionen im Stadion und möglicherweise jene Euphorie in Bern, die eigentlich durch den Cupsieg hätte entfacht werden sollen. Manch einer fragte sich gestern noch einmal, was mit Yakin im Cupfinal gegen Sion wohl möglich gewesen wäre.
Doch Fussball ist ein rasantes Geschäft. Und deshalb gehört auch Gernot Rohr mit seinem Systemwechsel –und der Einwechslung Raimondis – zu den gestrigen Gewinnern. Wie Yakin, der nach leidvollen zehn Monaten definitiv in Bern angekommen ist. Und am Mittwoch, im vermutlich ausverkauften Wankdorf, kann er seinem ehemaligen Verein FC Basel vorerst die Meistersause vermiesen – und gleich wieder abheben. Richtung WM?