BZ, 20.4.2005
«Ich lerne fast jeden Tag Deutsch»
Die Young Boys wollen in den Cupfinal einziehen. Dazu gilt es heute im Letzigrund den FCZ zu schlagen. Mit einem Platz in der Startformation darf Gretar Steinsson rechnen. Der Isländer hat gegen Basel überzeugt.
Gretar Seinsson will mit den Young Boys in den Cupfinal einziehen /
Es ist Dienstagmittag, und Gretar Steinsson ist noch beim Mittagessen im Restaurant Rotondo an der Berner Neubrückstrasse. Er hat seine Chance gepackt. Der Isländer war am letzten Sonntag beim 1:1 in Basel der beste Akteur in einer stark verbesserten YB-Mannschaft. Bei seinem ersten Einsatz von Beginn an hatte der 23-Jährige sein Team in der zweiten Spiel- minute in Führung geschossen. Im Anschluss zeigte er eine starke und leidenschaftliche Leistung als linker Aussenvertei- diger.
Punkt im richtigen Moment
Heute Abend spielen die Young Boys im Letzigrund gegen den FC Zürich um den Einzug in den Cupfinal. Gerade im Hinblick auf diese Begegnung sei der Punktgewinn in Basel enorm viel wert gewesen, sagt Steinsson: «Wir standen gegen den FC Basel sehr kompakt. Genau darum wird es auch heute gehen. Im Cup muss man 90 oder sogar 120 Minuten zusammenhalten.»
Im Januar hat YB den dreifachen Nationalspieler definitiv vom isländischen Erstligisten IA Akranes verpflichtet, und seither hat Steinsson fleissig Deutsch gelernt. «Nach dem Nachmittagstraining lerne ich jeweils eine Stunde», so Steinsson. Dazu lese er jeden Tag verschiedene Tageszeitungen und spreche auch viel mit den Teamkollegen. Die Wirkung dieser autodidaktischen Lernweise ist erstaunlich. Nach nur drei Monaten kann er sich fliessend auf Deutsch unterhalten. Der Grund für seinen Eifer ist ein praktischer. Steinsson bezeichnet seine ersten Wochen in der Schweiz als sehr hart, weil er sich kaum austauschen konnte. «Seit ich nun sogar teilweise Schweizerdeutsch verstehe, fühle ich mich viel wohler.»
Weit weniger Probleme hat ihm der Umstand bereitet, alleine in Schönbühl zu wohnen. «Ich bin als 16-Jähriger von zu Hause nach Akranes gegangen, um Fussballspieler zu werden», sagt Steinsson, der aus dem 1500-Seelen-Ort Siglufjördur stammt – der nördlichsten Stadt Islands.
«YB ist ein Glücksfall»
Seinen Wechsel zu den Young Boys bezeichnet er als riesigen Glücksfall für sich: «Trotz Vorbildern wie Eidur Gudjohnsen von Chelsea hat man es als Isländer nicht leicht, sich für einen Klub auf dem Kontinent zu empfehlen. Umso zufriedener bin ich, dass es bei mir mit dem Transfer nach Bern geklappt hat.» Deshalb hat Steinsson auch keine Hintergedanken betreffend seine Zukunft. Anders als andere Spieler sieht er die Super League nicht als Zwischenstation für eine höher dotierte europäische Liga: «Ich möchte bei YB zu einer Identifikationsfigur werden. Zu einem Spieler, den der Trainer aufstellen muss, damit es gut kommt.» Zeigt Gretar Steinsson heute gegen den FCZ eine ähnlich starke Leistung wie gegen Basel, dürfte es schon bald so weit sein.